frühe brettstapelbauten in nagold

Küchenbüffet führte nach Amerika -
Heinrich Schühle senior brachte 1924 amerikanische
Holzbauweise mit nach Nagold

Veröffentlicht in der Zeitschrift bauen mit holz, Ausgabe 08/2001

Till Schaller

heinrich schühle senior 1949 auf der baustelle
Im Meisterweg 11 in Nagold steht ein Zeugnis lokaler Familiengeschichte, das auch heute noch wegen seiner ungewöhnlichen Bauweise bei manchem Fachmann für Erstaunen sorgt.
Auf den ersten Blick ein unscheinbarer Holzbau, birgt die Werkstatt der Schreinerei Heinrich Schühle junior beim näheren Hinsehen eine handfeste Überraschung. Anfangs glaubt man hier an der Waldach ein zweigeschossiges Holzblockhaus zu erkennen, was ja an sich schon recht ungewöhnlich wäre, für ein Gebäude nahe der Innenstadt; aber damit hat man noch weit gefehlt.
Das Werkstattgebäude welches hier im Frühjahr 1948 (!) noch vor der Währungsreform, mit den vielen zupackenden Händen einer großen Familie in Selbsthilfe fertiggestellt worden ist, wurde nach dem Prinzip einer frühen amerikanischen Brettstapelbauweise aus den zwanziger Jahren errichtet.
Es fragt sich nur, wie kam damals eine solche Bautechnik nach Nagold ?
Um das nachzuvollziehen, begeben wir uns kurz gedanklich in das Nagold der Jahre 1922 und 1923.
Die sich in Deutschland beschleunigende Inflation als indirekte Folge des verlorenen 1.Weltkriegs bestimmte auch in Nagold das Wirtschaftsleben.
Die Zerstörung der Sparvermögen und der Wettlauf der Preise und Einkommen schürten auch hier in weiten Teilen der Bevölkerung Zukunftsängste.
Die Geldentwertung erfolgte so rasch, daß man unter dem zunehmenden Verzicht auf die immer wertloser werdenden Geldscheine und Münzen zum praktischen Tauschhandel, Ware gegen Ware überging.
Auch handwerkliche Leistungen wurden immer öfter nur noch auf Kompensationsbasis erbracht.
So kam es dann auch, daß der damals zwanzigjährige Schreiner Heinrich Schühle für eine Familie in der Umgebung ( in Wenden ?) ein Küchenbüffet anfertigte, und dafür mit Dollars in bar bezahlt wurde, die dieser Familie durch Verwandtschaft in den USA geschickt worden waren.
Der Dollar hatte seinen Wert behalten, nur ihn einzutauschen in Reichsmark machte natürlich keinen Sinn.
Die schwierige wirtschaftliche Situation bei uns und die damit einhergehenden mangelnden beruflichen Perspektiven, führten bei manchem der Jüngeren zu der Überlegung, zumindest für einige Zeit, das Glück im Ausland zu versuchen.
Kurzgesagt, jene Dollars für das Küchenbüffet, wurden für Schühle und vier Mitstreiter aus der Gegend dann auch zum Startkapital für die Auswanderung nach Amerika.